Aktuell - SWISSpsy - Ambulante psychiatrische Beratung, Psychotherapeutisches Coaching, Wingwave / EMDR, Musiktherapie, Tiergestützte Therapie

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Aktuell

Dezember 2017


Innere Regulatoren



Der Mensch lebt nicht einfach in den Tag hinein. Selbst chaotische Menschen leben mit inneren Regulatoren. Was aber ist damit gemeint? Gemäss meinen Untersuchungen, Erfahrungen und Erkenntnissen ist die innere Hierarchie der Regulation beim Menschen wie folgt aufgebaut:


UrVertrauen oder UrMisstrauen: Der Mensch entwickelt in frühester Kindheit (bereits fetal?) sein inneres Fundament. UrVertrauen heisst, dass das Leben positiv bewertet wird. Menschen sind grundsätzlich gut und das Leben ist da, um zu lernen, zu wachsen und zu geniessen. Dieses Fundament setzt Bezugspersonen voraus, die ebenfalls fundamentales UrVertrauen in sich haben. UrMisstrauen bedeutet, dass das Leben negativ bewertet wird. Menschen sind grundsätzlich schlecht und das Leben ist eine Bedrohung, gegen die es sich zu schützen gilt. Dieses Fundament setzt Bezugspersonen voraus, die innerlich ebenfalls misstrauisch den Menschen und dem Leben gegenüber sind. Die zentralen Bezugspersonen (meistens die Eltern) legen dieses Fundament, auf dem das Kind dann die weiteren Regulatoren installiert.


Überzeugungen: Auf dem jeweiligen Fundament werden die inneren Überzeugungen aufgebaut. UrVertrauen = Die Menschen sind gut, die Tiere und die Flora auch. Ich selber bin auch okay. Probleme können gelöst werden. Ich werde mit allem irgendwie fertig. Meine Mitmenschen sind dazu da, um mir zu helfen. Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe. UrMisstrauen = Die Menschen sind schlecht und deshalb auch ich. Tiere sind lieber als Menschen, ich bin dem Leben nicht gewachsen, die Menschheit zerstört dieses Planeten. Diese Überzeugungen entwickelt das Kind selber aufgrund seines entsprechenden Fundamentes.


Richtung der Wahrnehmung: Der Mensch nimmt selektiv wahr. Drei Zeugen eines Unfalles erzählen in der Regel drei verschiedene Geschichten. Die inneren Überzeugungen bestimmen die Richtung der Aufmerksamkeit. Lese ich Zeitung, werden mir diejenigen Artikel auffallen, die meine Überzeugungen bestätigen. Nehme ich wahr, dass mir etwas gelungen ist oder hatte ich einfach Glück? 


Handeln: Die Wahrnehmung beeinflusst und steuert mein Handeln. 


Feedbackschleife: Die Folgen meines Handelns wiederum bestätigen in der Regel meine Überzeugungen.


Positiv- oder Negativ-Spirale: Mein Leben entwickelt sich aufgrund obiger Regulatoren entweder positiv oder negativ.


Veränderungsmöglichkeiten: Setzen wir in Therapie oder Beratung bei Spirale, Schleife, Handeln, Wahrnehmung oder Überzeugungen an, wird es schwierig mit Veränderung, denn jede Veränderung wird aufgrund des inneren Fundamentes instabil bleiben. Verändern wir jedoch das Fundament ("psychotherapeutische Wurzelbehandlung"), wird der Mensch seine Überzeugungen, Wahrnehmung, Handeln, Schleife und Spirale selber in Frage stellen und korrigieren!


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November 2017


Embodiment



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Embodiment (deutsch: Verkörperung, Verleiblichung) ist eine These aus der neueren Kognitionswissenschaft, nach der Bewusstsein einen Körper benötigt, also eine physikalische Interaktion voraussetzt.


Was heisst das nun? Hirn und Körper sind untrennbar miteinander verbunden. Bei der "Psychosomatik" lernen wir, dass innere Zustände immer körperlich werden. Wenn ich verliebt bin, spüre ich Schmetterlinge im Bauch. Wenn ich wütend werde, spannt sich mein Körper an. Wenn ich traurig bin, kommen mir Tränen. 


In Therapie und Coaching wird das Embodiment des Gegenübers beobachtet und oft auch angesprochen. Es wird dann nachgefragt, ob der momentane Körperausdruck zum inneren Zustand passt. Es wird jedoch auch beobachtet, ob und wie die therapeutische Intervention wirkt. Am Embodiment des Klienten kann festgestellt werden, ob er ablehnt oder integriert. Der Therapeut erhält so also gewissermassen vom Körper des Gegenübers ein Feedback. Das ermöglicht ihm, den nächsten Schritt des Prozesses anzugehen.



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Oktober 2017


Gesundheitsdefinition



Die Gesundheitsdefinition der WHO (1946):

"Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ist ein Grundrecht jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung."

 

Mit dieser Definition bin ich einverstanden. Sie integriert alle Aspekte des menschlichen Lebens sowie jeden einzelnen Menschen dieser Erde. Und sie lässt persönliche differenziertere Definitionen zu.

 

Während die WHO von einem „Zustand des völligen Wohlbefindens“ ausgeht, diesen Zustand somit quasi statisch versteht, der immer wieder angestrebt werden soll, gehe ich von einem dynamischen Verständnis von Gesundheit aus. Im Laufe des Lebens entwickelt sich der Mensch, durchlebt Krisen verschiedenster Art, geniesst Erfolge und verändert sich. Ich definiere Gesundheit so, dass sich der Mensch kongruent sowohl physisch, wie auch psychisch und sozial gesund entwickelt. Am Beispiel „menschlicher Körper“ wird deutlich, dass Gesundheit nicht statisch ist, sondern vielmehr dynamisch. Der menschliche Körper ist in dauerndem Umbau. Gelenke, Organe, Zellen müssen sich laufend dem Lebensprozess anpassen. Man könnte auch sagen, der Mensch ist dann gesund, wenn ihm diese Anpassung in allen drei Bereichen – möglichst kongruent – gelingt. Krankheit würde dann bedeuten, dass sich Anpassungsstörungen bemerkbar machen. Anpassungsstörungen physisch, psychisch und sozial. Anpassungsstörungen aber können Stillstände oder gar Rückschritte bedeuten. Körperliche Stillstände sind unseres Erachtens weit seltener als psychische und soziale. Der menschliche Körper baut sich ein Leben lang um und passt sich dem Lebensprozess an. Der Alterungsprozess wird sichtbar. Gesund ist der Mensch dann, wenn dieser Alterungsprozess mehr oder weniger übereinstimmend physisch, psychisch und sozial erfolgt. Krank wird er dann, wenn dieser Prozess auseinanderfällt. Wenn der Körper zum Beispiel 35 Jahre alt ist, das Innerpsychische jedoch seit dem 15. Lebensjahr in der Entwicklung stillsteht, also zum Beispiel die Pubertät nicht bewältigte. Meist steht dann auch die soziale Entwicklung still. Nach meiner Überzeugung sind psychosoziale Krankheiten im weitesten Sinne Anpassungsstörungen. Therapie ist dann entsprechend anstossen, unterstützen und aufholen der unterbrochenen Entwicklung. Wohlbefinden heisst dann, diese Anpassung geschafft zu haben. Dies wiederum ist vorläufig, denn neue Anpassungsleistungen werden nötig werden. Die letzte Anpassung ist dann gelungen, wenn am Ende des Lebens dieses stimmig abgeschlossen werden kann.


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September 2017


Unterschiede: Psychotherapie - Coaching - Beratung - Supervision



Psychotherapie


Psychotherapie ist immer dann angezeigt, wenn persönliche Probleme das eigene Leben beträchtlich einschränken. Wenn Beziehungen nicht mehr eingegangen oder gehalten werden können, wenn berufliche Tätigkeiten nicht mehr möglich sind. Wenn also die Ressourcen nicht mehr ausreichen, um dem Leben gewachsen zu sein, Anpassungen die notwendig sind nicht mehr geleistet werden können. Dann braucht es eine medizinische (psychiatrische) oder psychologische Psychotherapie. Eventuell auch unterstützend entsprechende Medikamente. Die wichtigste Voraussetzung, dass Psychotherapie gelingt ist die tragfähige und respektvolle Beziehung zwischen TherapeutIn und PatientIn. Im günstigsten Fall entwickelt sich Psychotherapie so, dass mit Coaching oder Beratung weitergearbeitet werden kann.


Coaching


Im Coaching wird ein gesunder Mensch so durch den Coach unterstützt, dass er mit seinen Ressourcen seine Lebensführung optimieren oder ein gestecktes realistisches Ziel erreicht werden kann. Mit Coaching können auch Probleme, die stören jedoch nicht übermässig einschränken, bearbeitet werden. Der Coach im Fussball zum Beispiel unterstützt seine Spieler so, dass die individuellen Leistungen des Torwarts, des Stürmers oder des Verteidigers optimiert werden. Coaching verlangt die ganze Palette der nötigen Ressourcen.


Beratung


Beratung hat wenig mit Rat geben zu tun, vielmehr mit zusammensitzen und über ein Thema beraten. Die eidgenössischen Räte zum Beispiel beraten ein Thema, das gesellschaftlich aktuell ist und dies üblicherweise im National-, Stände- oder Bundesrat. Da werden Argumente und Überzeugungen ausgetauscht und Kompromisse erarbeitet. In einer Beratung kann auch über gesundheitliche Themen des Individuums beraten werden.


Supervision


Supervision ist die "Reflexion des beruflichen Handelns". Da werden Teamprozesse, Aus- und Weiterbildungsbedarf, Pensen und weitere berufliche Aspekte besprochen. Man könnte auch sagen, dass Supervision Beratung betreffend beruflicher Themen bedeutet. 


Ich bin in allen obigen vier Tätigkeitsbereichen ausgebildet und erfahren.



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August 2017


Erfahrungen mit meinem Hund Jack




Ich setze seit längerer Zeit meinen Hund Jack als Sozialhund ein. Jack ist ein Golden Retriever und für den sozialen Bereich entsprechend ausgebildet. Viele meiner KlientInnen schätzen mittlerweile seine Anwesenheit bei unseren Terminen. Ich habe folgende positiven Erfahrungen gemacht mit Jack bei meiner Arbeit:


  • Jack ist in seinem Verhalten äusserst flexibel. Er passt sich seinem Gegenüber laufend an. Braucht die Situation Aktivität, wird er aktiv. Braucht sie Ruhe, legt er sich hin.
  • Klientin A mit Hundephobie lernt durch den Umgang mit Jack, ihre Angst vor Hunden abzubauen.
  • Klient B lernt Jack klare Anweisungen zu geben. Jack reagiert nur auf klare Botschaften. Klient B lernt so, auch mit seinen Mitmenschen kongruenter zu kommunizieren.
  • Klient C in einer chronischen depressiven Stimmung lässt sich - wenigstens kurzzeitig - durch Jacks Lebensfreude anstecken und hellt etwas auf.
  • Klientin D hütet Jack nach Absprache einen ganzen Tag. Das gibt ihr Tagesstruktur und Zuwendung. Jack stoppt so sporadisch den totalen Rückzug in die eigene Wohnung.

Selbstverständlich ist Jack nicht anwesend, wenn dies der Klient so wünscht. Mir ist auch wichtig, dass ich jederzeit Kontrolle über Jack habe, da ich letztlich für ihn in allen Situationen Verantwortung trage. So können wir alle, Jack, der Klient und ich weiter lernen...



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Juli 2017


Der getriebene Patient


Dr. med. Gunther Frank zeigt hier schön, welche Themen uns heute medizinisch wirklich beschäftigen. Ich bin mit ihm weitgehend einig. Also ist klar, was zu tun ist:


https://youtu.be/tOH_x35Vsqc


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Juni 2017


Menschen bleiben lernfähig


Wenn ich etwas an den jährlichen Neuro-Symposien lerne, dann dies, dass der Mensch Zeit seines Lebens lernfähig bleibt. Auf der neurologischen Ebene nennt man dies "Neuroplastizität". Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubte man, dass Menschen verlorene Fähigkeiten nicht wieder aufbauen könnten. Schon gar nicht neuronal. Einmal abgestorbene Hirnsubstanz bleibe tot und die entsprechenden Folgen für den Menschen definitiv. Damals invalidisierte man auch Herzinfarkt-, Schlaganfall- und UnfallpatientInnen in der Überzeugung, dass eine Rehabilitation unmöglich sei. Heute wissen wir, dass dies nicht zutrifft. Sowohl Herzinfarkt-, wie auch SchlaganfallpatientInnen werden unverzüglich in die Pflicht genommen. Der menschliche Körper ist weit dynamischer als wir je gedacht hatten und seine Selbstheilungskräfte sind immens. Neurologisch kann diese Dynamik des Hirns nun immer besser fest- und dargestellt werden. Das Hirn ist plastisch und somit sehr dynamisch. Regionen, die abgestorben sind können umgangen werden und andere Bereiche des Gehirns übernehmen ausgefallene Funktionen. Noch wissen wir nicht genau, weshalb und wie dies gelingt. Feststellen können wir dies jedoch bei Menschen nach einem Hirninfarkt und auch in gewisser Weise bei Dementen. Auch Demente bleiben lernfähig, obwohl das Gelernte teilweise schnell wieder zerfällt.


In meiner Arbeit mit Menschen bedeutet dies für mich, dass ich meine inneren Vorurteile in Frage stellen muss. Dass ich immer davon ausgehen muss, dass mein Gegenüber lernen kann. Dass ich allerdings vor allem auf kleine Lernschritte hinweisen sollte und den Klienten auffordern muss, diese kleinen und kleinsten Fortschritte in sich wahrzunehmen. Lernen heisst aber auch zu üben. Einsicht alleine reicht meistens nicht. Wird konsequent eingeübt, entstehen im Hirn neuronale "Autobahnen". Dies gelingt umsomehr, je mehr Wahrnehmungskanäle benutzt werden. Lernen wir gleichzeitig visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch haben wir gute Chancen auf Erfolg!



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Mai 2017


Digitalisierung in der Ambulanten Psychiatrischen Beratung


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Ich als psychiatrischer Berater bin immer mehr mit Handy, Computer, Servern, Programmen und Apps konfrontiert. Eigentlich habe ich den Pflegefachbereich, das Therapeutische und die Beratung gewählt, weil ich Interesse an den Menschen habe und sie sehr gerne bei gesunden Prozessen unterstützen möchte. Wie in allen Bereichen unseres Lebens schreitet die Digitalisierung unaufhaltsam vorwärts. In unserem SWISSpsy ThinkTank diskutierten wir letzthin dieses Thema. Es stellte sich heraus, dass wir in der Verdigitalisierung unserer Welt erst am Anfang stehen. Unsere IT-MitdenkerInnen machten uns darauf aufmerksam, dass wir nicht nur am Anfang stehen, sondern auch das Tempo der Veränderungen noch deutlich zunehmen wird.


Ich bin nun 62 Jahre alt und die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in meinem Berufsfeld fordert immer mehr zeitliche Ressourcen. Wir kamen zum Schluss, dass es künftig unabdingbar wird, dass auch unser Beruf über entsprechend ausgebildetes Personal verfügen muss. Das kann auch bedeuten, dass in der Peripherie zunehmend IT-Personal tätig sein muss, das nicht im therapeutischen Bereich arbeitet, sondern für den Digitalisierungsprozess zugezogen werden kann. IT-Personal, das eindeutig auf unseren therapeutischen Bereich spezialisiert ist und uns entsprechend supportiert. Dies ist sowohl für uns als Berufsgruppe eine wesentliche Entlastung, wie auch ein interessanter Aspekt für die IT-Fachleute...



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April 2017


Individuelle Entwicklung innerhalb der Norm


In meiner Arbeit mit KlientInnen gibt es viel Anspruchsvolles. Eine der Schwierigkeiten ist die Unterstützung der individuellen Entwicklung innerhalb der Norm. Was meine ich damit? Psychosoziale Störungen können entstehen, wenn entweder die Individualität oder aber die Norm überbewertet wird. Will heissen, wenn der Mensch seine Individualität in den Vordergrund stellt, kann es passieren, dass er Normen bricht und entsprechende Konsequenzen zu gewärtigen hat. Fokussiert er jedoch die vorgegebene Norm zu sehr, riskiert er, dass seine Individualität darunter leidet und er sich nicht gesund entwickeln kann. Die Kunst der gesunden persönlichen Entwicklung liegt darin, sich individuell innerhalb der geltenden Normen zu entwickeln. Das verlangt ein gehöriges Mass an Flexibilität. Im psychiatrischen Bereich gibt es die Diagnose "Anpassungsstörung" (ICD F 43.2). Man meint damit die akute oder chronische Überforderung bei Anpassungsbedarf. Anpassungsprobleme können entstehen, weil innere Entwicklung notwendig ist (z.B. Pubertät oder Pensionierung), aber auch weil die gesellschaftliche Norm sich verändert (z.B. Rentenalter 67 oder Digitalisierung). Die Herausforderung meiner Arbeit mit diesen KlientInnen ist, dass ich sie in der individuellen Entwicklung innerhalb der neuen Norm unterstützen kann. Das gelingt natürlich nur, wenn ich selber meine Individualität der wechselnden Normalität anpassen kann. Ich kann ja KlientInnen nur soweit begleiten, unterstützen und fördern, wie ich selber gereift bin. Eine lebenslange Aufgabe übrigens, für mich und meine KlientInnen!



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März 2017


Lebensqualität vs Lebensquantität


Je länger ich im Gesundheitswesen tätig bin, umsomehr fällt mir auf, dass ein Paradigma in der medizinischen Behandlung vorherrscht: Lebensquantität. Wohl die meisten therapeutischen Interventionen haben das Ziel, dass der Patient möglichst lange lebt. Untersuchungen und Statistiken werden zugezogen, um zu begründen,  weshalb gerade diese Intervention das Leben verlängert. So muss sich der Blutdruck innerhalb einer bestimmten Vorgabe bewegen, das Gewicht entsprechend eingestellt und der Alkoholkonsum möglichst ganz aufgegeben werden. Ich bin mit diesem Vorgehen nur teilweise einverstanden. Ein anderes Paradigma ist mir wichtiger:


"Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ (Cicely Saunders). Es geht also um Lebensqualität. Nun ist allerdings therapeutisch sehr viel schwieriger, den Klienten in seiner Lebensqualität zu unterstützen, als in seiner Lebensquantität. Lebensqualität ist sehr viel individueller, vielschichtiger. Was für den Einen keine Qualität hat, ist dem Anderen wichtig.


Bei meiner Arbeit mit dem Klienten ist mir wichtig, dass ich ihn vor allem in seiner Lebensqualität unterstütze. Das setzt allerdings voraus, dass ich es wage, mich ganz mit ihm auseinanderzusetzen. Er ist verantwortlich für sein Leben und nur er selber kennt seine Bedürfnisse, die seine Lebensqualität ausmachen. Also geht es darum, dass er seine eigenen Bedürfnisse wirklich kennenlernt. Dann lernt er auch, zwischen seinen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Gesellschaft zu unterscheiden. Das wiederum ermöglicht ihm, sich ganz für sich einzusetzen. Sozial einzusetzen notabene, denn die Anderen haben ebenfalls ihre eigenen Bedürfnisse, die sie leben möchten...


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Februar 2017


Was treibt uns an?

 

 

Motivation und Frustration aus Sicht der Hirnforschung

 

Alljährlich im Herbst richtet der Verein „TurmDerSinne(1) in Nürnberg/Fürth DAS Neurowissenschaftliche Symposium im deutschsprachigen Raum aus. Im Oktober 2016 diskutierte es „Motivation und Frustration“. Dieses Thema wurde aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet: Aus Sicht der Neurobiologie, der Zoologie, der Psychologie, der Pädagogik, der Ökonomie, der Medizin, des Sports, der Philosophie und der Soziologie. Diese sehr breite Betrachtungsweise ermöglicht eine intensive Aus-einander-Setzung mit diesem Aspekt des Lebens im wörtlichen Sinn.

 

 

Was treibt uns moralisch an – Vernunft oder Gefühl?

 

Einen Aspekt dieser Diskussion fokussieren wir hier etwas genauer. Dr. Julius Schälike (2) (Universität Mannheim) stellte die Frage, was uns moralisch antreibt. Ob Vernunft oder Gefühl die Grundlage der Moral bildet. David Hume (1711-1776) stellte die Gefühle als moralische Antreiber in den Vordergrund, während Immanuel Kant (1724-1804) die Vernunft ins Zentrum stellte. Welche Erkenntnisse haben die Neurowissenschaften in diesem Zusammenhang gewonnen?

 

 

Bereits 3-jährige Kinder können moralisch urteilen

 

In jüngster Zeit versuchte man anhand von Auswertungen empirischer Studien die Grundlage der Moral zu erfassen. Es stellte sich heraus, dass Kinder von ca. 3 Jahren bereits in der Lage sind, moralisch zu urteilen. Während die Vernunft in diesem Alter noch nicht ausgeprägt ist, gehören Gefühle bereits zu ihrem Leben. Dies legt nahe, dass Moral nicht vernunftbedingt zu sein scheint. Diese Erkenntnis wird auch durch die Auseinandersetzung mit Psychopathen gestützt. Psychopathen haben ein Gefühls-Defizit, während ihre Intelligenz nicht beeinträchtigt ist. Man geht somit heute davon aus, dass Gefühle die Moral steuern. Was aber hat das nun zu bedeuten? Wie ist das einzuordnen?

 

 

Wahrnehmung von und Umgang mit den Gefühlen stärken

 

Wir stellen innerhalb unserer Gesellschaft eine Intellektualisierung fest. Ein Studium wird höher bewertet als eine Berufslehre. Das Paradigma „Wissen vor Können“ steuert auch unsere Berufsbildung. Ein Wissens-Defizit ist nicht festzustellen, jedoch ein Emotionales und somit auch Soziales. Viele junge Menschen sind intellektuell up to date, während es für sie immer schwieriger wird, eigene Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen und verantwortungsvoll zu steuern. Obige wissenschaftliche Erkenntnisse machen deutlich, dass den Gefühlen mehr Beachtung geschenkt werden muss. Reiferer Umgang mit den Gefühlen stärkt gleichzeitig die Moral.

 

 

Gefühl und dann Verstand

 

Natürlich dynamisches Lernen geschieht sowohl emotional wie auch intellektuell. In dieser Reihenfolge. Von Kindesbeinen an lernen wir Menschen ganz natürlich und durchaus effektiv durch unser tägliches Tun, woraus sich in der Regel im Laufe der Zeit auch ein entsprechendes Verständnis ergibt. Diese zwei Phasen des natürlich dynamischen Lernens zeigen sich z.B. darin, dass ein Kind in der ersten Phase durch den Austausch mit seinen Bezugspersonen das Sprechen erlernt. Erst später in der Schule lernt es dann in der zweiten Phase, die entsprechende Grammatik zu verstehen. Diese zwei Phasen des dynamischen Lernens finden wir in zahlreichen Etappen unseres Lebens: Ein kleines Kind lernt Laufen und später als Jugendlicher betreibt es gezielt anspruchsvolle Sportarten. Ein kleines Kind gestaltet erste Bilder mit Wachs-, Kreide- oder Buntstiften und später lernt es im Zeichenunterricht das detaillierte Verständnis der verschiedenen Zeichenmethoden und Kunstformen.

 

Ganz im Sinne der oben formulierten wissenschaftlichen Erkenntnisse spielt die Moral dabei eine wesentliche Rolle. Egal ob wir uns neue Ziele setzen oder im berufliche oder privaten Alltag Entscheidungen zu treffen haben – wir hinterfragen und prüfen die „Ökologie“ der zukünftigen Situation und nehmen die entsprechende körperliche und emotionale Resonanz wahr. So können wir längerfristig stabile und befriedigende Ergebnisse bei persönlichen und systemischen Veränderungen sicherstellen.

 

 

Ganzheitlich heisst auch, Gefühle und Verstand sind im Einklang!

 

 

 

Rolf Bolliger

 

 

Quellverweise

 

 

(1) http://turmdersinne.de/de/symposium

 

(2) PD Dr. Julius Schälike ist Privatdozent für Philosophie und Akademischer Rat am Philosophischen Seminar der Universität Mannheim. Er wurde mit einer Arbeit über Willensfreiheit und moralische Verantwortung an der Universität Koblenz habilitiert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Willensfreiheit und moralische Verantwortung, Handlungstheorie, Ethik, Politische Philosophie und Rechtsphilosophie.


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Januar 2017:


Liebe Besucherin, lieber Besucher


Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr!


Sie werden auch dieses Jahr durch die Medien über schlimme Vorkommnisse und Situationen informiert. Vergessen Sie bitte nicht, dass die Medien-Verantwortlichen berufeshalber in der Pflicht sind, Umsatz und LeserInnen-Zahl zu erhöhen. Dies kann nur geschehen, wenn die Medienkundschaft in den Bann gezogen wird. Dies wiederum macht Aussergewöhnliches notwendig. Aussergewöhnliches jedoch ist eben die Ausnahme. Medien berichten selten über Alltägliches. Aber gerade da geschieht Entwicklung: Eltern, die ihre Kinder in der gesunden Reifung unterstützen, LehrerInnen, die gute Vorbilder sind, LokführerInnen, die dafür sorgen, dass wir pünktlich ankommen. Dies ist kaum eine Medien-Meldung wert. Wenn Sie wieder die Überzeugung beschleicht, der Mensch sei schlecht, weil er Anschläge verübt, den Regenwald abholzt oder Verkehrsunfälle provoziert, dann fragen Sie sich bitte wieviele Menschen dies NICHT tun.


Menschen werden auch 2017 Wundervolles leisten und vollbringen. Schenken Sie diesen Ihre Beachtung!



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Dezember 2016


Diagnostik vs Diagnose


Man könnte meinen, Diagnostik kann nicht unterschieden werden von Diagnose. Wenn man allerdings die beiden Wörter etwas wirken lässt, fällt auf, dass Diagnose statisch bleibt, während Diagnostik in Bewegung ist. Erhält man vom Arzt eine Diagnose, wird vielleicht noch geklärt, ob sie zutrifft. Dann jedoch wird sie verbindlich für die entsprechende Therapie. An unserem Institut betreiben wir jedoch Diagnostik. Wir verstehen dies als Prozess. Für uns ist eine gestellte Diagnose immer nur vorläufig. Entwickelt sich die/der Klient/in weiter, wird auch eine neue Diagnostik nötig. Das hat den Vorteil, dass die Menschen ins Gesunde sich entwickeln können und dies prozesshaft, also Schritt für Schritt. Da geht es dann nicht mehr um Krank oder Gesund, sondern um Gesundung.


Ein Beispiel: Phobie, z.B. Sozial-Phobie. Dieser Mensch zieht sich zurück aus Angst vor den Menschen. Nun wäre der Schritt, vom allgemeinen Rückzug direkt sich unter die Menschen zu mischen zu gross. Wir unterstützen diese Menschen zunächst darin, den Rückzug innerlich zu akzeptieren als eine Möglichkeit des Verhaltens. Hat der Klient durch seine Auseinandersetzung mit sich selber und dem Therapeuten genügend innere Sicherheit aufgebaut, kann er erste Schritte auf die Menschen zu wagen. Bleibt die innere Sicherheit dabei stabil, können grössere Schritte geplant werden. Das Ziel ist, dass der Klient sich bedürfnis- und situationsangepasst verhalten kann. So hat er die Wahl, sich zurückzuziehen oder das Miteinander zu leben. Jeder Prozess-Schritt auf diesem Weg der Gesundung benötigt eine spezifische Diagnostik, wobei wir an unserem Institut weniger mit medizinischen Begriffen arbeiten, sondern mit der Terminologie unseres 5-dimensionalen Prozessmodells (siehe dort unter "Grundlagen" auf dieser WebSite). Für uns sind Menschen nicht entweder krank oder gesund, sondern immer im Prozess, also in Bewegung, auch wir selber...


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November 2016


Mythos Übergewicht


Dieser Ausdruck stammt von Prof. Dr. Achim Peters. Sein Buch trägt diesen Titel. Das Thema Gewicht ist allgegenwärtig. Gegenwärtig auch bei vielen meiner KlientInnen. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie hartnäckig Diäten angepriesen und ausprobiert werden, wo doch längst klar ist, dass sie erstens keine dauernde Gewichtsreduktion bringen und zweitens den inneren Stress des Klienten erhöhen. Hier eine aktuelle Meinung von Dr. med. Gunter Frank, der sich hauptsächlich - wie Prof. Peters - mit dem Thema Gewicht befasst:



https://www.youtube.com/watch?v=5EnuDJqB10A



https://www.youtube.com/watch?v=LcRyT6A8bIo



https://www.youtube.com/watch?v=90h8hYludQI


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Oktober 2016


Neurowissenschaftliches Symposium in Nürnberg/Fürth



Unser SWISSpsy-Institut nahm auch dieses Jahr wieder am Symposium in Nürnberg statt. Motivation und Frustration waren die Themen. Ich mache Sie auf das Programm und die Zusammenfassungen auf der HomePage des Veranstalters aufmerksam - turmdersinne.de/de/symposium


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September 2016


Auswirkungen der Schwerkraft auf Körper, Psyche und Soziales


Die Auswirkungen der Schwerkraft auf unseren Körper kennen wir alle. Damit wir uns fortbewegen können, müssen wir Kraft aufwenden. Meist ist uns dies völlig unbewusst. Bewusst wird uns dies erst dann, wenn, z.B. wegen Schmerzen, Unfall oder Gebrechlichkeit, unsere Kraft nicht mehr ausreicht. Bewegen wir uns nicht genügend, passt sich unsere Muskulatur entsprechend an. Muss eine Extremität eingegipst oder geschient werden, reduziert sich die stillgelegte Muskulatur innert kürzester Zeit. Damit wir also körperlich unseren Alltag meistern können, müssen wir trainieren und die Schwerkraft überwinden. Wie sieht dies im psychischen und sozialen Bereich aus? Gibt es da auch so etwas wie eine Schwerkraft? Aus meiner Sicht schon. Wenn wir die psychische und soziale "Schwerkraft" nicht überwinden, und dies täglich, verkümmert unser Hirn, unser psychosoziales Organ. Allgemeiner Rückzug, z.B. bei Depressionen, lässt nicht nur die Muskulatur verkümmern, sondern auch die Psyche und die Sozio. Deshalb ist für mich bei der Arbeit mit Menschen wichtig, dass wir uns körperlich, psychisch aber auch sozial regelmässig bewegen. Spaziergänge, Auseinandersetzungen mit den eigenen Emotionen und Kreativität, sowie Austausch mit Mensch, Tier und Natur. Das erhält die körperliche, psychische und soziale "Muskulatur" kräftig und dynamisch. So wie die Physiotherapie den muskulären Wiederaufbau jeweils bis zur Schmerzgrenze auftrainiert, muss die Psycho- respektive Sozialtherapie jeweils ebenfalls bis zur Schmerzgrenze gehen. Man könnte auch sagen: Das Leben ist ein dauerndes Bewältigen der körperlichen, psychischen und sozialen Schwerkraft. Und so wie Sportler mit der Zeit Spass an diesem Training erlangen, kann der Mensch auch Spass am psychischen und sozialen Sport entwickeln!


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August 2016



Der Unterschied zwischen Streit und Auseinandersetzung


Streit und Auseinandersetzung unterscheiden sich darin, dass im Streit meist über das Gegenüber, jedoch bei der Auseinandersetzung von sich selbst gesprochen wird. Das hat völlig unterschiedliche Folgen. Streit führt kaum je zu einer Lösung des Konfliktes, während nach Aus-einander-setzungen auf-einander-zugegangen werden kann. Streit verletzt, Auseinandersetzung nicht. Emotional findet Streit in Wut statt und Auseinandersetzungen in Mut. Auseinandersetzungen sind soziale Konfliktlösungsansätze. Sie finden allerdings nur zwischen reifen und respektvollen Menschen statt. In der Psycho- und Sozialtherapie geht es oft darum, von Wut in Mut zu wachsen und damit von Streit in die Auseinandersetzung zu gelangen. Viele Menschen können noch keinen Streit führen, weil sie Wut in sich nicht zulassen. Somit geht es bei diesen Menschen darum, diese Wut in sich erst wahrzunehmen und sich zunächst auf einen Streit einzulassen, der dann zu einer Auseinandersetzung sozialisiert werden sollte. Bei Auseinandersetzungen sind wir dann in uns selber in Sicherheit...

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Juli 2016


Die 4 Arbeitsgruppen innerhalb unseres Institutes


Unser SWISSpsy-Institut ist auch ein ThinkTank. Seit Jahren diskutieren wir in unseren 4 Arbeitsgruppen wichtige Entwicklungen unserer Gesellschaft. Uns interessieren gesunde Entwicklungen in der Wirtschaft, im Gesundheitswesen, in der Erziehung und in der Musik. Wir legen Wert darauf, dass diese Diskussion interdisziplinär erfolgt. 


Die AG 1 arbeitet als ThinkTank betreffend Gesundheitsaspekten in Unternehmen, Organisationen und Systemen. Es nehmen regelmässig teil Mathematiker, Psychiater, Berater, Finanzmarktspezialistin, Informatiker, Treuhänder und HR-Verantwortlicher.

Die Arbeit der AG 1 kann in unserem Blog verfolgt werden:         gesasuos.blogspot.ch


Die AG 2 arbeitet als ThinkTank betreffend Gesundheitsaspekten in Gesundheitssystemen. Es nehmen regelmässig teil Psychiater, Berater, Pflegedienstleiter, Pflegefachpersonen, Sozialpädagogin, Fusspflegerin, Hebamme und Informatiker.

Die Arbeit der AG 2 kann in unserem Blog verfolgt werden:         healthprofessionalshealth.blogspot.ch


Die AG 3 arbeitet als ThinkTank betreffend Gesundheitsaspekten in Erziehung, Pädagogik und Schule. Es nehmen regelmässig teil Psychiater, Berater, Pfarrer, Mütterberaterin, Lerntherapeutin, erziehende Mutter, Familien-Coach, Lehrer, Hebamme und Berufsbildungsverantwortliche.

Die Arbeit der AG 3 kann in unserem Blog verfolgt werden:         gesaseps.blogspot.ch


Die AG 4 arbeitet als ThinkTank betreffend Gesundheitsaspekten in der Musik. Es nehmen regelmässig teil Psychiater, Berater, Gitarristen, Zinkenist, Instrumentenbauer und Lehrerin.

Die Arbeit der AG 4 kann in unserem Blog verfolgt werden:         musicndmind.blogspot.com


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Juni 2016


Meine Schwierigkeiten mit dem Wort "Pflege"


Meine offizielle Berufsbezeichnung im Bereich meiner krankenkassenzulässigen Tätigkeit lautet "freiberuflicher Pflegefachmann HF Psychiatrie". Also arbeite ich in der "psychiatrischen Pflege". Für mich ein sprachliches Unding. Natürlich wissen wir als Pflegefachpersonen, was wir darunter zu verstehen haben. Nicht jedoch die übrige Bevölkerung. Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, muss ich eingestehen, dass "psychiatrische Pflege" in mir kein Bild, keine Vorstellung auslöst. Was muss ich mir unter dieser Tätigkeit vorstellen? Und was, wenn ich nicht in diesem Fachbereich arbeite? Wie pflegt man psychiatrisch? Welche Pflege brauchen PsychiatriepatientInnen? Ich erlebe öfters, dass mich meine neuen KlientInnen fragen, weshalb sie gepflegt werden müssen, wo sie doch vielmehr Gespräche oder Ähnliches bräuchten. Ich weise dann jeweils darauf hin, dass es bei meiner Arbeit keineswegs um Pflege gehen wird, sondern um Gespräche, Motivierung, Edukation und Beziehungsgestaltung. Dem Klienten gegenüber stelle ich mich stets als "ambulanter psychiatrischer Berater" vor. Eine Bezeichnung, die für mich sehr stimmig ist. Ich berate, respektive coache psychiatrische PatientInnen/KlientInnen auf ihrem Weg zur psychischen und sozialen Gesundung. Gleichzeitig stimmt die Bezeichnung auch mit dem zu verrechnenden Tarif überein. Der zu verrechnende Tarif A lautet "Massnahmen der Abklärung und Beratung".


Auf politischer Ebene werden wir genau so lange Schwierigkeiten haben, wie wir das Wort "Pflege" in unserer Berufsbezeichnung haben. "Professionalisierung in der Pflege" gibt als Ausdruck für eine fachfremde Person keinen Sinn. Ebensowenig "Pflegewissenschaft". Und schon gar nicht werden wir uns vom Stigma des Hilfsberufs damit lösen können. Es braucht eine Bezeichnung, unter der man sich die wirkliche Tätigkeit vorstellen kann und eine Professionalisierung nachvollziehbar wird. Ich schlage psychiatrischer Berater, psychiatrischer Coach oder psychotherapeutischer Coach vor. Im Übrigen haben die uns unterstellten KollegInnen als FaGe die richtige professionelle Bezeichnung: Fachfrau/-mann Gesundheit. Ich beneide sie um diesen Titel...


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Mai 2016


Der Verband, dem ich angehöre, hat entsprechend meinen Vorstellungen reagiert (siehe Aktuell April). Ich bin damit sehr einverstanden. Hier die Intervention des SBK im Wortlaut:


SBK droht mit Volksinitiative


12. April 2016


Sollte die parlamentarische Initiative «gesetzliche Anerkennung der Verantwortung der Pflege» (11.418) im Parlament scheitern, lanciert der SBK eine eidgenössische Volksinitiative. «Pflegefachpersonen tragen die fachliche Verantwortung. Sie sind in der Lage, auch die finanzielle Verantwortung zu tragen», erklärt Helena Zaugg, die Präsidentin des SBK.


Medienmitteilung des SBK zur Medienkonferenz vom 12.4.2016

Am 27. April verhandelt der Nationalrat die parlamentarische Initiative 11.418 des ehemaligen Nationalrats Rudolf Joder. Sie bezweckt, dass bestimmte pflegerische Leistungen auch ohne ärztliche Verordnung von den Krankenkassen vergütet werden.


Nachdem die Vorlage lange Zeit auf breite Zustimmung stiess, folgte im Januar der erste Dämpfer: Die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit SGK-N beschloss flankierende Massnahmen in Form der Aufhebung des Vertragszwangs für freiberufliche Pflegefachpersonen und einer Befristung auf sechs Jahre. Im März lehnte der Bundesrat das Anliegen ganz ab. Derzeit versucht der SBK, die Mitglieder des Nationalrats zu überzeugen, die flankierenden Massnahmen wieder rückgängig zu machen und zum Ursprungstext der Subkommission zurückzukehren. Sollte dies nicht gelingen, wird der SBK eine eidgenössische Volksinitiative lancieren.


Rudolf Joder machte an der heutigen Medienkonferenz deutlich: „Die SGK-N verschliesst sich einer zukunftsgerichteten Lösung des Personalmangels in der Pflege, will bewusst den Pflegeberuf als reinen Hilfsberuf beibehalten, ist untätig gegenüber administrativen Leerläufen und verhindert Kosteneinsparungen. Wenn der Nationalrat und der Ständerat nicht der von der Subkommission ausgearbeiteten Vorlage zustimmen, müssen weitere politische Massnahmen ergriffen werden.“


Ruth Hostettler ist freiberufliche Pflegefachfrau in der Kinderspitex und kennt die administrativen Leerläufe, welche die aktuelle Gesetzeslage zur Folge hat: „Ich trage die ganze fachliche Verantwortung für Beratung, Koordination, das Anleiten der Angehörigen und die pflegerischen Handlungen, aber ich brauche eine ärztliche Unterschrift, damit sie von der Krankenkasse bezahlt werden. Und das, obwohl die Ärzte den Bedarf und die Notwendigkeit der Massnahmen aus der Distanz gar nicht beurteilen können.“


Helena Zaugg, die Präsidentin des SBK, erklärt: “Wir haben das Vertrauen in die Politik in dieser Sache verloren. Weder die SGK-N, noch der Bundesrat sind gewillt, die Pflege zu stärken. Wir akzeptieren es nicht, dass wir zum Spielball der Gesundheitspolitik werden und haben entschlossen, die Zügel selber in die Hand zu nehmen.“



Der konkrete Initiativtext wird zurzeit erarbeitet. Eckpunkte der eidgenössischen Volksinitiative sind:


1.    Der eigenverantwortliche Beitrag der Pflege in der Gesundheitsversorgung muss anerkannt werden.


2.    Die Pflegefachpersonen leisten einen bedeutenden Beitrag in der Gesundheitsversorgung. Gesetzliche Regelungen müssen das vorhandene Potential der Pflegefachpersonen ausschöpfen. Diese Massnahmen vermögen den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu begegnen.


3.    Investitionen in die Arbeitsumgebungsqualität (Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Arbeitszeiten, Lohn) sollen verbessert werden. Das steigert nachweislich die Attraktivität des Pflegeberufs.


Mehrere Verbände im Gesundheitswesen haben ihre Unterstützung in Aussicht gestellt.  


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April 2016


Ich halte an dieser Stelle fest, dass ich mit dem Entscheid des Bundesrates (siehe unten) nicht einverstanden bin. Ich bin auch gespannt, wie unser Berufsverband auf diesen Entscheid reagieren wird. Ich beurteile die momentane Situation des Pflegefachbereiches als äusserst widersprüchlich. Einerseits ist die Professionalisierung unseres Berufsstandes weit fortgeschritten. Bachelor, Master und Doktorat sind bereits selbstverständlich. Lehrstühle für Pflegewissenschaften an den Universitäten sind längst eingerichtet. Andererseits müsste ich als Doktor der Pflegewissenschaften meinen eigenen Fachbereich zwar voll verantworten, dürfte ihn jedoch nicht selber verordnen und würde weiterhin die Bewilligung eines Arztes benötigen, der meinen Tätigkeitsbereich allerdings nicht im Detail kennt. Für mich eine äusserst unbefriedigende Situation. Die geplante weitere Aufwertung, die auch der Bundesrat unterstützt, wird zwangsläufig zur Verschärfung dieser Widersprüchlichkeit führen.


Pflegefachpersonen sollen Leistungen weiterhin nur auf Anordnung erbringen

Bern, 23.03.2016 - Der Bundesrat will die Attraktivität des Pflegeberufs fördern. Zu diesem Zweck hat er bereits verschiedene Massnahmen eingeleitet, etwa mit dem Masterplan Pflege oder dem Gesundheitsberufegesetz. Er ist jedoch dagegen, dass zusätzliche Berufsgruppen Leistungen ohne ärztliche Anordnung selber erbringen und abrechnen dürfen. Deshalb lehnt er die parlamentarische Initiative „Gesetzliche Anerkennung der Verantwortung der Pflege“ ab, die diesen Systemwechsel fordert.

Das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) unterscheidet zwischen zwei Arten von Leistungserbringern: Ärztinnen und Ärzte wie auch Spitäler sind direkt zu Lasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP, Grundversicherung) tätig. Andere Personen dürfen Leistungen nur im Auftrag oder auf Anordnung eines Arztes oder einer Ärztin erbringen. Dazu gehören Pflegefachpersonen oder Physiotherapeutinnen und Ergotherapeuten.


Die parlamentarische Initiative „Gesetzliche Anerkennung der Verantwortung der Pflege“ fordert einen Systemwechsel. Demnach sollen Pflegefachpersonen künftig Abklärungen, Beratungen und Koordination sowie Massnahmen der Grundpflege selbständig, ohne ärztliche Anordnung erbringen und zulasten der OKP abrechnen können. Versicherer könnten mit Pflegefachpersonen einen entsprechenden Vertrag abschliessen. Die zuständigen Kommissionen von Nationalrat und Ständerat unterstützen die Initiative und im Januar 2016 verabschiedete die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit eine entsprechende Gesetzesänderung.


Bundesrat lehnt Gesetzesänderung ab

Der Bundesrat hat Verständnis für das Anliegen der Initiative, den Status der Pflegefachpersonen aufzuwerten und die Koordination zu verbessern. Er schlägt jedoch vor, den in der Strategie Gesundheit2020 eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen und beantragt, auf die vorgeschlagene Gesetzesänderung nicht einzutreten.


Der Schlussbericht zum Masterplan Bildung Pflegeberufe hat im Februar 2016 aufgezeigt, dass die Attraktivität und die Anzahl der Ausbildungsabschlüsse im Pflegebereich in den letzten Jahren bereits gestiegen sind. Weitere Massnahmen zur Stärkung der Pflege sind geplant, zum Beispiel die Einführung des Gesundheitsberufegesetzes oder das im März 2016 beschlossene Förderprogramm „Interprofessionalität im Gesundheitswesen 2017-2021“. Mit diesen Massnahmen soll sichergestellt werden, dass die Schweiz künftig über mehr und gut qualifizierte Gesundheitsfachpersonen verfügt. Nach Ansicht des Bundesrates sind damit wichtige Forderungen der parlamentarischen Initiative erfüllt.


Die koordinierte Versorgung wiederum soll weiter mit gezielten Projekten gestärkt werden. Im Rahmen von Gesundheit2020 wurden bereits wichtige Schritte gemacht, etwa mit den Strategien zu Palliative Care, Demenz und Krebs. Zur besseren Koordination soll auch das elektronische Patientendossier beitragen.


Höhere Kosten befürchtet 

Nach Ansicht des Bundesrats setzt die Initiative Fehlanreize, was zu höheren Kosten für die OKP und damit für die Prämienzahlenden führen würde. Eine nachträgliche Korrektur von solchen Fehlanreizen erweist sich in der Regel als äusserst schwierig. In Pflegeheimen oder auch bei Pflegebedürftigen zu Hause könnten Pflegefachpersonen bei der Abklärung, Beratung sowie Grundpflege selbstständig Leistungen ausführen und zulasten der OKP abrechnen. Damit bestünde ein Anreiz zur Mengenausweitung. In Pflegeheimen könnten Mehrkosten entstehen, weil pflegebedürftige Personen von den Fachpersonen in höhere Pflegestufen eingeteilt würden. In der ambulanten Krankenpflege werden die Pflegeleistungen nach geleisteten Arbeitsstunden abgerechnet; somit besteht vor allem in diesem Bereich ein finanzieller Anreiz, möglichst viele Leistungen zu erbringen.


Schliesslich geht der Bundesrat davon aus, dass die geforderte Gesetzesänderung eine Präjudizwirkung haben könnte. Andere medizinisch-therapeutische Fachpersonen (z.B. aus der Ergotherapie und Physiotherapie), die heute ebenfalls nur auf ärztliche Anordnung Leistungen erbringen, könnten dieselben Bedingungen fordern. Daraus könnten ebenfalls höhere Kosten resultieren. Deshalb soll keine weitere Berufsgruppe direkt zulasten der OKP Leistungen erbringen, solange keine Lösungen für eine bessere Koordination und eine langfristige Steuerung im Gesundheitswesen vorliegen.


Adresse für Rückfragen:

Bundesamt für Gesundheit BAG, Kommunikation, 058 462 95 05 oder media@bag.admin.ch


Herausgeber:

Der Bundesrat

    Internet: https://www.admin.ch/gov/de/start.html

Eidgenössisches Departement des Innern

    Internet: http://www.edi.admin.ch

Bundesamt für Gesundheit

    Internet: http://www.bag.admin.ch


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März 2016:


Entwicklung durch Beziehung


…lesen Sie oben unter dem SWISSpsy-Logo. Diesen Slogan wählte ich für meinen Bereich unseres Institutes ganz bewusst. Meine Arbeit als psychiatrischer Berater, psychotherapeutischer Coach und Supervisor ist ohne gute Beziehung zum Gegenüber aussichtslos. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass eine gute Ausbildung und viele Titel und Diplome noch lange keine Garantie sind für erfolgreiche Therapie oder Coaching. Der therapeutischste Aspekt in einer Psychotherapie bleibt die tragfähige Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn. Persönlichkeitsentwicklung findet dann statt, wenn ich Gegenüber habe, an denen ich mich orientieren kann, die respektvoll sind und authentisch. Dann kann ich mich öffnen, üben und lernen. Ich würde auch sagen: Entwicklung braucht Beziehung!



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Februar 2016:


Unser SWISSpsy-Institut unterhält vier Arbeitsgruppen, in denen sich Fachpersonen der unterschiedlichsten Professionen zu aktuellen Themen austauschen. In der Arbeitsgruppe 1 diskutieren ExpertInnen aus dem Unternehmensbereich. Treuhänder, Finanzexpertin, IT-Spezialisten, Mathematiker, HR-Experte, Versicherungs-Fachmann, Psychiater und Coach tauschen sich aktuell über das Thema "UrVertrauen vs UrMisstrauen" aus und welche Bedeutung dies für den Unternehmensbereich hat. 


Die weiteren drei Arbeitsgruppen und welche gesellschaftlichen Bereiche sie widerspiegeln finden Sie auf www.swisspsy.org.


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